4 Themenfindung und -präzisierung

Einen bestimmten Sachverhalt zu finden, den Sie beforschen wollen, kann herausfordernd sein. Im folgenden werden verschiedene Übungen durchlaufen, die im Seminar durchgeführt worden sind, um ein grobes Thema zu finden und anschließend zur Forschungsfrage zu präzisieren. Sollten Sie Anregungen in dieser Phase des Forschungsprozesses benötigen, können der Design Thinking Methoden Katalog der msg systems ag (2025) sowie die Handreichung für Abschlussarbeiten der Mathematikdidaktik der Universität Potsdam hilfreich sein.

4.1 Interessen erkunden

Am Anfang der Themenfindung kann es sinnvoll sein, die eigenen Assoziationen divergent zu erkunden, sprich ungewertet zu sammeln. Dies kann für ein breites Fundament an möglichen Themen sorgen, das in den folgenden Abschnitten erweitert und geordnet wird. Abbildung 4.1 zeigt eine Auswahl von Themen, die als Interessen im Seminar gesammelt wurden (→ zur pdf-Datei). Ein Interesse muss dabei noch keine ausformulierte Frage sein – ein Impuls reicht vollkommen aus.

Sammlung von diversen Forschungsinteressen zu Schulbüchern

Abb. 4.1: Sammlung von diversen Forschungsinteressen zu Schulbüchern

Ausgehend von dieser Basis, kann die Methode Ja, außerdem (msg systems ag, 2025) angewandt werden, um die Sammlung zu erweitern. Für jeden Themenvorschlage stellen Sie sich einfach die Frage: Ja, das ist spannend, aber was ist außerdem noch interessant? Abbildung 4.2 gibt einen Einblick in weiterführende Fragen / Impulse für die gerade gesammelten Ideen (→ zur pdf-Datei).

Ausweitung einiger Interessen (gelb) mit Ja, außerdem (blau)

Abb. 4.2: Ausweitung einiger Interessen (gelb) mit Ja, außerdem (blau)

4.2 Interessen ordnen

Auch zum Systematisieren von Ideen stellt der o. g. Katalog einige Aktivitäten vor. Dazu gehört auch das Ordnen der Ideen nach unterschiedlichen Kriterien. Beispielsweise können verschiedenen Ideen ihr schulpraktischer Nutzen, der Aufwand ihrer Untersuchung, ihre Realisierbarkeit oder die Orientierung auf Lehrkräfte und Lernende zugeordnet werden. Diese Zuordnung ermöglicht die grafische Darstellung in Koordinatensystemen. Der Praktikabilität wegen wurde sich hier für zwei Merkmale pro Zuordnung entschieden. In Abbildung 4.3 sind die Forschungsinteressen aus dem Seminar nach ihrem schulpraktischen Nutzen und ihrem zeitlichen Aufwand geordnet (→ zur pdf-Datei). Die Erarbeitung lässt sich, ähnlich zur Durchführung im Seminar, gut in Gruppen gestalten: Jede Gruppe fokussiert sich auf verschiedene Merkmalskombinationen.

Ordnen der Interessen nach ihrem schulpraktischen Nutzen und dem zeitflichen Aufwand

Abb. 4.3: Ordnen der Interessen nach ihrem schulpraktischen Nutzen und dem zeitflichen Aufwand

Die Visualisierung in Koordinatensystemen kann besonders relevante Ideen sichtbar machen; hier wurden die rot-markierten Cluster als besonders interessant ausgewählt.

4.3 Interesse präzisieren

Ist ein grobes Interesse gefunden, muss dieses meistens noch nachgeschärft werden, damit es zur Forschungsfrage taugt. Angenommen Sie interessieren sich grob für die Kommunikation in Schulbüchern. Allein diese Information lässt viele Fragen bezüglich des Forschungsziels offen. Interessiert Sie der Ist-Zustand? Möchten Sie einen Soll-Zustand ableiten? Geht es um die Kommunikation im ganzen Schulbuch, nur in Teilbereichen oder bei bestimmten Tätigkeiten? Soll mehr, weniger oder besser kommuniziert werden? Die konkrete Fragestellung verändert die nötige Methodik, den Aufwand und das Endergebnis Ihrer Forschung und sollte demnach im Vorhinein klar definiert werden.

Zum Präzisieren des Themas lohnt sich ein erneuter Blick in die Materialien. Neben anderen Methoden, werden hier die Methoden Mich interessiert, aber nicht (Florian & Etzold, 2022) und Walt Disney Methode (msg systems ag, 2025) empfohlen. Während des gesamten Prozesses, aber speziell in dieser Phase ist die Recherche in aktuellen Veröffentlichungen relevant. In den vorherigen Phasen ist das Interesse meist noch zu weitgefasst, um sinnvoll nach relevanter Literatur zu suchen. Die zentrale Forschungsfrage sollte nicht nur für Sie interessant sein, sondern auch noch ein echtes Forschungsdesiderat aufgreifen bzw. eine Forschungslücke füllen. Zudem ist ein Wechselspiel zwischen Präzisierung und Recherche ratsam, um unnötigen Aufwand zu vermeiden. Eine fertig ausgeschärfte Forschungsfrage ist wenig hilfreich, wenn Sie schon beantwortet wurde.

Zu Beginn wird ihre Forschungsfrage wahrscheinlich einen offenen Charakter haben, möglicherweise ähnlich wie

Forschungsfrage – Version 1: Welche Rolle spielt Kommunikation in Mathematikschulbüchern?

4.3.1 Mich interessiert, aber nicht

Wie die Methode Ja, außerdem, setzt sich auch Mich interessiert, aber nicht aus zwei Teilen zusammen. Sie dient dazu, das derzeitige Interesse in Aspekte zu zerteilen und explizit herauszufinden, was Sie an diese Aspekten nicht interessiert. Bezogen auf das Beispiel der Kommunikation könnte das Ergebnis dieser Methode wie folgt aussehen:

Tab. 4.1: Durchführung der Methode Mich interessiert, aber nicht am Beispiel der Kommunikation in Schulbüchern
mich interessiert … …, aber nicht …
Kommunikation in Schulbüchern wie derzeit mit Schulbüchern kommuniziert wird.
wie viel in Schulbüchern kommuniziert werden sollte.
Kommunikation im Schulbereich an Grund-, Haupt-, Gesamt- und Realschulen.
in anderen Bundesländern.
wie Schulbücher Kommunikation fördern nur bezogen auf Aufgaben.

Da Sie nun herausgefunden haben, was Sie nicht interessiert, können Sie ihre Forschungsfrage dementsprechend anpassen. Im Kommunikations-Beispiel fließen jetzt die Erkenntnisse über den genauen Untersuchungsgegenstand (Kommunikationsförderung) und die Modalitäten (Bundesland und Schulform) mit ein.

Forschungsfrage – Version 2: Wie kann ein Schulbuch für brandenburger Gymnasien Kommunikation fördern?

4.3.2 Walt-Disney-Methode

Diese msg systems ag (2025) entnommene Methode ist besonders gut in Gruppen anwendbar, kann aber auch allein durchgeführt werden. Der Ablauf gestaltet sich grob in drei Phasen: Die Traum-Phase, die Realitätsphase und die Kritik-Phase.

Begonnen wird mit der Traumphase. Hier ist es das Ziel, möglichst uneingeschränkt Anforderungen bzw. Wünsche an das Endprodukt Ihrer Forschung zu entwickeln. Wichtig ist dabei, dass Sie unrealistische oder abwegige Ideen nicht verwerfen, sondern Ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Sie können sich die Fragen stellen, was völlig verückt bzw. abgefahren wäre oder wie eine traumhafte Lösung aussehen würde. Wieder bezogen auf das Beispiel der Kommunikationsförderung, wäre es eine traumhafte Lösung ein Schulbuch zu entwickeln, das »sich selbst abschafft«, weil die Schüler:innen nur noch miteinander kommunizieren. Außerdem wäre es völlig abgefahren, wenn ein Schulbuch unterschiedliche Sprachniveaus und -register sowie Fremdsprachen nicht nur berücksichtigt, sondern aktiv aufgreift und in die Lernhandlungen integriert.

Hat die träumende Person ihre Visionen dargelegt, ist es Zeit, diese aus einem realistischen Standpunkt zu begutachten. Was brauchen Sie für die Realisierung? Wer ist für die Umsetzung verantwortlich? Was fehlt Ihnen noch? Ziel dieser Phase ist es, die Ideen zu bewerten und konkrete Maßnahmen zu entwicklen, um die Idee zu realisieren. So brauchen Sie für die Entwicklung eines kommunikationsfördernden Schulbuchs – eventuelle Theorien zur Kommunikationsförderung über Aufgaben, Sozialformen oder ein Maß für Kommunikation, um die Förderung durch ihr Produkt nachweisen zu können. Es fehlen eventuell eine Testgruppe zur Überprüfung der Produkts oder Vorlagen für typische Schulbuchseiten, die zur Inspiration dienen.

Zuletzt stehen die Ideen tief in der Kritik. Was sind die Schwächen der vorgeschlagenen Lösung? Wo liegt das Risiko? Warum wird die Lösung nicht funktionieren? Durch das kritische Analysieren Ihrer zuvor gesammelten Ideen, können Sie konstruktive Kritik identifizieren und für Verfeinerung ihrer Forschungsfrage nutzen. Im Rahmen des Seminars steht Ihnen nur begrenzt Zeit zur Verfügung, sodass ein mögliches Hindernis der Umfang des Produkts sein kann. Ein ganzes Schulbuch kommunikationsförderlich und vor allem fachdidaktisch fundiert zu gestalten, ist zu viel. Eine Schwäche der bisherigen Ideen ist auch, dass bisher eher schwammig von Kommunikationsförderung gesprochen wird. Dies schließt an die Frage der realistischen Person an, wie Kommunikation gemessen werden kann. Auch das Integrieren von ausführlicher Differenzierung nach Facetten der Sprache, kann ein Risiko für den Forschungsprozess und sein Produkt darstellen: Viel Differenzierung benötigt viel Platz im Buch, sodass Mehraufwand entsteht.

Auch aus diesen Ergebnissen lassen sich Folgerungen für die Forschungsfrage ableiten. So wäre es zwar interessant, ein gesamtes Schulbuch zu entwickeln, allerdings wird die Zeit dafür voraussichtlich nicht ausreichend sein. Es könnte also sinnvoll sein, sich auf einen Abschnitt zu fokussieren. Des Weiteren wurde offensichtlich, dass eine Möglichkeit fehlt, Kommunikation zu messen. Auf diesen Punkt soll im nächsten Abschnitt eingegangen werden

Forschungsfrage – Version 3: Wie kann ein Schulbuchabschnitt für Brandenburger Gymnasien gestaltet sein, der Kommunikation fördert?

4.4 Finale Forschungsfrage

Wie bereits zu Beginn des Abschnitts 4.3 beschrieben, sollte die Präzisierung der Fragestellung von einer Literaturrecherche begleitet werden. So kann die Literatur bezüglich (mathematischer) Kommunikation einige offene Fragen beantworten. Kommunikation wird in der mathematikdidaktischen Forschung meist über Videostudien untersucht (Leiss et al., 2023) und lässt sich unter anderem über die Kompetenzdefinition der Bildungsstandards nach Leiß & Blum (2012) operationalisieren. Weiter lässt sich erkennen, dass der Umgang mit Verfahren auf den ersten Blick wenig Gelegenheiten zur Kommunikation bietet (Fröhlich & Prediger, 2008) und daher gerade für dieses Thema von besonderem Interesse sein kann. Eine Vielzahl von Lerngegenständen eignen sich, um Verfahren zu erwerben; lineare Funktionen könnten geeignet sein, da mehrere Verfahren mit ihr im Zusammenhang stehen (siehe dazu auch Abschnitt 6.1.1). Basierend auf den Erkenntnissen der Literaturarbeit, die im besten Fall nebenläufig zur Ideenfindung geschieht, kann die Forschungsfrage erneut präzisiert werden:

Forschungsfrage – Version 4: Wie kann ein Schulbuchabschnitt für Brandenburger Gymnasien gestaltet werden, der im Rahmen verfahrensorientierter Übungen am Beispiel linearer Funktionen die Kernkompetenz »Mathematisch kommunizieren« fördert?

References

Florian, L., & Etzold, H. (2022). Handreichung für Abschlussarbeiten in der Mathematikdidaktik. Hinweise zur Präzisierung des Themas und zur Entwicklung einer Fragestellung. https://www.uni-potsdam.de/de/mathematikdidaktik/studium-lehre/bachelor-masterarbeiten/handreichung-und-kompetenzspektrum
Fröhlich, I., & Prediger, S. (2008). Sprichst Du Mathe? Kommunizieren in Und Mit Mathematik. PM: Praxis der Mathematik in der Schule, 50(24), 1–8.
Leiß, D., & Blum, W. (2012). Beschreibung zentraler mathematischer Kompetenzen. In W. Blum, C. Drüke-Noe, R. Hartung, & O. Köller (Hrsg.), Bildungsstandards Mathematik: konkret: Sekundarstufe I: Aufgabenbeispiele, Unterrichtsanregungen, Fortbildungsideen (6. Aufl). Cornelsen Verlag Scriptor.
Leiss, D., Gerlach, K., Wessel, L., & Schmidt-Thieme, B. (2023). Sprache und Mathematiklernen. In R. Bruder, A. Büchter, H. Gasteiger, B. Schmidt-Thieme, & H.-G. Weigand (Hrsg.), Handbuch der Mathematikdidaktik (2. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg.
msg systems ag. (2025). Design Thinking Methoden Katalog. https://designthinking-methods.de/